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Freiwillige Hilfe, die auf beiden Seiten etwas verändert : AKTUELLES : SAGE Net Deutschland

Im Herbst 2015 kam Max Bringmann von seinem Freiwilligenjahr in Kapstadt zurück. Folgendes Interview erschien auf der Website der Dr. Walter GmbH - Experte für die Versicherung von privaten und geschäftlichen Reisen und Auslandsaufenthalten, unserem Partner für die Versicherungen unserer Freiwilligen. 

Neunkirchen, 01.12.15 Ein ganzes Jahr in Südafrika zu verbringen ist einerseits ein Traum, andererseits auch eine Herausforderung. Max Bringmann, 21 Jahre aus Berlin, wagte diesen Schritt und berichtet von seinen Erfahrungen in Kapstadt.

Herr Bringmann, Sie waren für ein Jahr in Südafrika und haben dort als Freiwilliger gearbeitet. Weshalb?
Nach meinem Abitur in Berlin wollte ich vor dem Beginn meines Studiums ins Ausland. Da mir das Projekt weltwärts bekannt war, suchte ich dort nach einer passenden Organisation. Südafrika war aufgrund eines vorherigen Urlaubs meine Lieblingsdestination. So kam ich auf die Organisation SAGE Net – das South African German Network.
Bei der folgenden Bewerbung konnte ich dann aus einem Pool von Projekten wählen und meine Präferenzen angeben. Über das Land verteilt gab es zu der Zeit in Südafrika ungefähr zehn bis 15 Projekte. Im Bewerbungsprozess – bestehend aus Motivationsschreiben, Lebenslauf, Telefoninterview und Bewerberauswahltag – wird dann entschieden, ob die Person auch gut auf das Projekt passt.
Und bei Ihnen hat alles gepasst. Welche Voraussetzungen bringen Sie denn mit?
Ich denke, das Gesamtpaket muss stimmen. Festgelegte Voraussetzungen gibt es meines Wissens nach nicht. Natürlich sind Fremdsprachenkenntnisse wichtig, aber die Organisation möchte verschiedene Menschen mit vielen unterschiedlichen Hintergründen für die Projekte begeistern. Von der Kulturvielfalt lebt der Freiwilligendienst ja auch.
Die Weltwärts-Programme finanzieren sich über Spenden. Daher ist jeder Teilenehmer aufgerufen, für seinen Freiwilligendienst Geld zu sammeln – im Bekanntenkreis, über Crowdfunding oder Vereine. Das ist keine Pflicht, aber im Endeffekt eine Grundvoraussetzung, dass Organisationen wie SAGE Net ihre Arbeit so fortführen können wie bisher. Grundsätzlich werden 75 Prozent der Kosten für den Aufenthalt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) übernommen. Die übrigen Kosten belaufen sich auf ungefähr 1500 bis 2500 Euro. Diese sollen u.a. durch die Initiative der Freiwilligen zusammengetragen werden. Damit sind dann der Flug, die Unterkunft oder auch die Versicherung abgedeckt. Für die übrigen Ausgaben erhält jeder Teilnehmer vor Ort ein Taschengeld, von dem ich in Kapstadt wirklich gut leben konnte.
Und dann ging es direkt los?
Fast. Nach meiner Bewerbung im Februar 2014 sollte ich dann im August mit 30 weiteren Freiwilligen abfliegen. Aufgrund von Schwierigkeiten mit dem Visum hat das aber leider nicht bei allen geklappt. Das ist auch ein Punkt, den ich allen wärmstens empfehlen würde: Sich frühzeitig um das Visum zu kümmern. Die Bearbeitungszeiten sind teilweise sehr lang und können bis zu drei Monate dauern.
Wie war dann die Arbeit vor Ort?
Für mich teilweise ein Sprung ins kalte Wasser. Ich kam frisch von der Schule. Es klingt vielleicht seltsam, aber es war schon eine Umstellung, jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Zudem habe ich vorher noch nie in einem Bereich wie diesem gearbeitet.
In den Cape Mental Health Centern in Kapstadt werden Menschen mit geistiger Behinderung betreut. In meiner Einrichtung kümmerte ich mich um Kinder und unterstützte die hauptamtlichen südafrikanischen Betreuer. Das war für mich komplettes Neuland, da ich bislang noch nicht mit Kindern und erst recht nicht mit behinderten Kindern gearbeitet habe. Natürlich habe ich die Kinder sehr geliebt und mochte die tägliche Arbeit, aber dennoch war es recht anstrengend.
Anstrengend, aber doch sicher auch mit sehr besonderen Momenten, oder?
Ja, ein sehr schönes Erlebnis gab es mit Sanele, ein kleines Mädchen mit Autismus. Sie hat zu Beginn meiner Zeit fast gar nicht gesprochen. Drei Monate vor dem Ende meiner Freiwilligenarbeit fing sie dann plötzlich an zu singen. Keiner weiß so richtig, was der Auslöser war, aber es war ein sehr besonderes, überraschendes Erlebnis.
Bei der Arbeit wurde ich allgemein auch absolut freundlich empfangen. Die Hilfe der Freiwilligen wird dort sehr geschätzt. Durch die Unterstützung bei ganz alltäglichen Aufgaben, wie dem Kinderfüttern oder dem Tragen der Kinder konnten wir den Stress der Mitarbeiterinnen mit einfachen Mitteln reduzieren.
Wie war der Alltag außerhalb des Health Centers? Man hört ja immer wieder von den Risiken in Südafrika.
Da ich 2010 schon mal in Südafrika war, bin ich schon mit einem anderen Gefühl angekommen. Kapstadt ist einfach eine wahnsinnig schöne Stadt – sowohl von der Natur und der Umgebung her, aber auch aufgrund ihrer Einwohner. Allgemein gibt es in Kapstadt viele Touristen oder Ausländer, die dort vorübergehend arbeiten. Die Südafrikaner haben sich wohl schon daran gewöhnt. Ich jedenfalls fühlte mich immer sehr herzlich empfangen. Ein Freund von mir ist aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht nach Südafrika geflogen. Das ist eine Entscheidung, die nachvollziehbar ist. Aber der Ruf der Unsicherheit ist deutlich größer als es sich in Wirklichkeit darstellt.
Und man freundet sich auch schnell mit unheimlich vielen Menschen an. Dabei spielt es keine Rolle, wo sie herkommen, wie alt sie sind oder was sie machen. Eine meiner besten Freundinnen war ebenfalls eine Mitarbeiterin im Health Center, die schon die fünfzig Jahre überschritten hatte. Es herrscht eine andere Willkommenskultur als bei uns in Deutschland.
Gewohnt habe ich aber nicht in der Einrichtung, sondern ungefähr 30 Minuten entfernt in einem anderen Stadtteil mit ein paar anderen Freiwilligen zusammen. Das hat auch etwas geholfen, die Heimat nicht zu sehr zu vermissen. Ein kleineres Tief rund um Weihnachten kam dann dennoch. Aber das gehört auch irgendwie dazu.
Das klingt alles sehr unproblematisch und gut organisiert. Gab es keinerlei Schwierigkeiten in dem Jahr?
Keine großen. Vor Ort halfen uns auch Ansprechpartner von SAGE Net, die uns bei Notfällen oder anderen Fragen zur Seite standen.
Persönlich benötigte ich ein paar Mal ärztliche Hilfe. Die Abläufe, die Rückerstattung durch die Versicherung und die Versorgung waren aus meiner Sicht aber problemlos. Man muss sich eben etwas auf die anderen Umstände einstellen. In Kapstadt gibt es eigentlich überall Ärzte und selbst auf dem Land ist es nicht allzu schwer, den passenden zu finden. Wenn ich in Deutschland zum Arzt gehe, fühle ich mich vielleicht etwas wohler, weil ich es mein Leben lang schon so kenne. Die größte Schwierigkeit liegt in der sprachlichen Hürde, wenn man seine körperlichen Beschwerden in einer fremden Sprache erklären soll und die Diagnose auch nicht in der Muttersprache erläutert bekommt.
Aber mit Ihren Englischkenntnissen kamen Sie gut zurecht?
Die Kommunikation vor Ort war gut zu bewerkstelligen. Doch werden in Südafrika ja noch ungefähr elf weitere Sprachen gesprochen – so auch in meinem Center. Hier haben die meisten Xhosa gesprochen. Glücklicherweise sind viele bilingual. Daher gab es manchmal kleinere Sprachbarrieren, wenn komplexe oder sehr außergewöhnliche Sachverhalte erklärt wurden.
Was hat sich für Sie durch Ihre Zeit in Südafrika geändert?
Zunächst einmal meine Ausbildungsrichtung. Ich studiere jetzt Sozial- und Kulturanthropologie und Politik an der FU Berlin. Vor dem Freiwilligendienst hatte ich das Studium nicht in Erwägung gezogen. Eigentlich wollte ich Psychologie studieren.
Durch den intensiven Kontakt zu Menschen, die das Leben aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten, habe ich das Gefühl, viel kleiner geworden zu sein. Zu meiner Welt sind eine Menge neuer Menschen hinzugekommen. Im Alltag weiß ich viel mehr zu schätzen, was ich habe und mich stört die Beschwerdekultur, die in Deutschland so tief verankert ist. Wenn hier eine Unterhaltung geführt wird, werden ganz schnell nur noch Dinge diskutiert, die wir nicht gut finden oder über die wir uns beschweren können. Das war und ist in Südafrika nicht der Fall.
Eine prägende Zeit liegt hinter Ihnen. Wie werden Sie in der Zukunft mit dem Freiwilligendienst verbunden bleiben?
Die Intention des Programms liegt nicht nur auf der Mitarbeit, sondern hat vor allem auch den Kulturaustausch im Fokus. In Treffen vor und nach der Reise wird viel Wert darauf gelegt, wie die Teilnehmer die kulturellen Erfahrungen auch nach ihrer Rückkehr teilen. Ich selbst werde für SAGE Net auch noch weiter Alumni-Arbeit machen. Damit möchte ich den zukünftigen Freiwilligen auch die Angst, gerade vor Südafrika, nehmen. Es ist einfach ein wunderschönes Land mit sehr netten Menschen. Während meiner Zeit in Kapstadt bin ich dort sehr viel herumgereist. Wahrscheinlich kenne ich von Südafrika jetzt sogar mehr Ecken als von Deutschland.

Im Original erschienen am 01.12.2015 unter: http://www.reiseversicherung.com/dr_walter/news_reiseversicherung/news/article/freiwillige_hilfe_die_auf_beiden_seiten_etwas_veraendert.html
 

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